Dranginkontinenz oder Reizblase

Diese Form der Blasenschwäche ist gekennzeichnet durch einen überfallartigen, plötzlich auftretenden Drang, Urin lassen zu müssen. Dieser Drang kann nur mit Mühe unterdrückt werden und führt zu häufigen Toilettenbesuchen tagsüber und in der Nacht. Bei einem Drittel der Patienten kommt es zusätzlich zu einem unfreiwilligen Urinverlust. Die ständige Sorge, nicht schnell genug eine Toilette finden zu können, begleitet Patienten mit einer Reizblase und bedeutet oftmals einen völligen Rückzug aus dem normalen Leben. Zudem klagen diese Patienten oft über Schlafstörungen.

Diagnostik
Die Diagnose einer Reizblase kann in den meisten Fällen schon anhand einer ausführlichen und präzisen Befragung gestellt werden. Dabei ist es wichtig, auch die Ursache für die Reizblasenbeschwerden wie eine akute Blasenentzündung, Stoffwechselerkrankungen (z.B. Diabetes mellitus) oder neurologische Erkrankungen (z.B. Bandscheibenvorfälle, Morbus Parkinson, multiple Sklerose) zu erkennen. Auch bestimmte Medikamente und Genussmittel wie Kaffee, Alkohol, Fruchtsäfte und kohlensäurehaltige Getränke können die Drangbeschwerden verschlimmern. Gründe für eine Reizblase können sein:

  • chronische Entzündungen der Blase und der Harnröhre
  • Senkungen der Beckenorgane (Harnblase, Gebärmutter, Enddarm)
  • zu kleine Trinkmengen
  • Hormonmangel
  • körperliche und seelische Belastung

Häufig ist es hilfreich, in einer Tabelle die Trinkmengen und die Toilettengänge an zwei oder drei Tagen zu notieren. Aus diesem sogenannten Trink- und Miktionstagebuch können viele wichtige Informationen gewonnen werden. Falls dies bei Ihnen erforderlich sein sollte, erhalten Sie bei Ihrem ersten Besuch in unserer Sprechstunde eine entsprechende Tabelle mit Anleitung.

Je nach individuellen Beschwerden bedarf es einer weiterführenden Abklärung mit speziellen Untersuchungen:

  • Blasenspiegelung
  • Untersuchung des Beckenbodens zur Erkennung von Senkungen
  • Röntgenuntersuchung der Harnblase im Stehen
  • Blasendruckmessung


Therapie
Die Behandlung der Dranginkontinenz oder auch Reizblase erfolgt individuell unter Berücksichtigung des Ausmaßes der Beschwerden, des Alters der Betroffenen und der vorliegenden Nebenerkrankungen.

Konservative Therapie | Als Basistherapie kommen verschiedene Maßnahmen zum Einsatz:

  • Beckenbodentraining: mit Elektrostimulation und Bio-Feedback
  • Verhaltenstraining: Optimierung des Trinkverhaltens und Toilettentraining
  • Behandlung mit Hormonen: Der mit zunehmendem Alter auftretende Hormonmangel  führt zu einer Gewebeschwäche mit Ausdünnung  der Schleimhaut von Scheide, Harnblase und Harnröhre. Diese Veränderungen sind oft Ursache der Reizblase, von wiederkehrenden Harnwegsinfekten oder Schmerzen beim Geschlechtsverkehr. Mit einer Hormongabe in lokaler Darreichungsform (Zäpfchen, Creme) kann oft eine deutliche Verbesserung der Beschwerden erzielt werden.

Medikamentöse Behandlung | Sollte die Basistherapie der Reizblase noch nicht den gewünschten Erfolg zeigen, werden auf Ihr Krankheitsbild abgestimmte Medikamente gegeben, die zu einer Blasenberuhigung führen. Diese Medikamente können auch flankierend zur Basistherapie verordnet werden.

Behandlung durch Injektion mit Botulinumtoxin | Der unwillkürliche Urinverlust bei der Reizblase kann durch die überaktive Muskulatur der Harnblasenwand (Blasenmuskel) herbeigeführt werden. In den letzten Jahren konnte eine Therapie etabliert werden, die genau hier ansetzt. Durch Einspritzen des Nervengiftes Botulinumtoxin (Botox) in einer ungefährlichen Dosis, kann der überaktive Blasenmuskel teilweise gelähmt werden. Hierdurch wird eine Beruhigung der Harnblase und somit eine Besserung der Beschwerden erzielt. In geeigneten Fällen ist dieses Verfahren schonend und ausgesprochen erfolgreich.

Behandlung durch Behebung von Senkungszuständen | Auch eine Senkung der Beckenorgane kann zur Dranginkontinenz oder Reizblase führen.
Senkungszustände können sowohl die Gebärmutter  als auch die Blase oder den Enddarm betreffen, wobei es zu einer entsprechenden Senkung dieser Organe in die Scheide hinein kommt.

Formen der Senkung

  • Blase | Die häufigste Form der Beckenbodensenkung ist der Blasenvorfall. Wenn sich die vordere Wand der Scheide ausdehnt oder ihre Befestigung am Becken verliert, fällt die Blase in die Scheide vor. (Bild Zystozele)
  • Enddarm | Wenn der Boden der Scheide seine Unterstützung verliert, kann der Mastdarm in die Scheide ragen und eine „Tasche“ bilden, die man Rektozele nennt. (Bild Rektozele)
  • Gebärmutter | Der Vorfall der Gebärmutter (und des Gebärmutterhalses) in die Scheide wird Gebärmutterprolaps genannt. (Bild Uterusprolaps)


Diagnostik
Die Organe im Beckenbereich der Frau - Gebärmutter, Scheide, Blase und Enddarm - werden durch ein Netz von Muskeln und Bindegewebe, die wie eine Hängematte fungieren, an ihrem Platz gehalten. Wenn dieses Netz geschwächt oder geschädigt wird, verlassen ein oder mehrere Beckenorgane ihre normale Position und „fallen“ in die Scheide. Als Ergebnis könnten die Organe auf die Scheidenwand drücken und eine Vorwölbung verursachen, die Beschwerden verursacht und sich auf die körperliche und sexuelle Aktivität auswirken kann.
Gründe für die Beckenbodensenkung können sein:

  • Geburten
  • vorangegangene Gebärmutterentfernung
  • Hormonmangel nach den Wechseljahren
  • Verlust des Muskelkraft mit zunehmendem Alter
  • dauerhafte Belastung des Beckenbodens wie z.B. bei chronischem Husten, Verstopfung, schwerer körperliche Arbeit, Übergewicht

Beschwerden | Die Betroffenen klagen oft über ein Ziehen mit Druckgefühl oder Fremdkörpergefühl in der Scheide, z.B. beim Sitzen. Weitere mögliche Symptome sind ständiger Harn- oder Stuhldrang, Probleme beim Stuhlgang, ungewollter Urinverlust oder unvollständige Blasenentleerung mit häufigen Blasenentzündungen. Es kann auch zum störenden Gefühl beim Geschlechtsverkehr kommen. Manche Patientinnen sind aber auch völlig beschwerdefrei.

Therapieformen
Eine Behandlung ist nur notwendig, wenn Beschwerden vorhanden sind. Das Behandlungsspektrum umfasst sowohl konservative (d.h. nicht-operative) als auch operative Therapiemaßnahmen. Bei der individuellen Therapieplanung berücksichtigen wir das Ausmaß der Senkung, die Art der Beschwerden mit möglichen Begleiterkrankungen und das Alter der Patientin.

Konservative Therapie | intensives Beckenbodentraining oder
Pessartherapie. Letztere ist eine minimal invasive Therapie, bei der je nach medizinischer Indikation ein spezieller Ring in die Scheide eingeführt wird
lokale Hormontherapie

Operative Behandlung |
Wo konservative Maßnahmen keine Besserung erzielen oder nicht sinnvoll sind, ist meist eine Beckenboden-Rekonstruktionsoperation erforderlich. Am Klinikum Garmisch-Partenkirchen führen wir individuell angepasste und modernste Operationstechniken auf dem Gebiet der Beckenbodenchirurgie durch. Bei diesen Techniken bringt der Chirurg die gesenkten Organe wieder in ihre ursprüngliche Position zurück und befestigt sie an den umliegenden Geweben und Bändern.

  • Minimal-invasive synthetische Netzreparatur: Hierbei werden die gesenkten Organe mit winzigen Schnitten in der Scheide wieder in ihre ursprünglichen Positionen zurück gehoben. Sie werden dann mit Hilfe eines weichen Kunststoff-Netzes an den umliegenden Geweben und Bändern befestigt.
  • Vordere und hintere Scheidennaht: Bei diesem Verfahren wird die Vorderwand  oder Rückwand der Scheide gefaltet und vernäht, um die vorgefallenen Organe zu unterstützen.

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